Passiert es dir, dass du brav deine Tonleitern und Übungen beim Einsingen der Stimme singst, dich danach aber nicht richtig vorbereitet fühlst?

Dass du dich 15, 20, 30 Minuten lang einsingst, aber trotzdem nicht das Gefühl hast, den Anforderungen des Singens gewachsen zu sein?

Dann wählst du deine Übungen nach dem Motto „Egal was, Hauptsache singen“ aus. Das kann Erfolg haben oder auch nicht.

Mit Übungen, die ganz genau zu deinen Absichten des Einsingens passen, passiert dir das nicht mehr. In diesem Artikel zeige ich dir, wie das geht.

 

Gesangsübungen zum Einsingen der Stimme

Einsingübungen für Sänger

 

Auf diese fünf Ziele kommt es beim Einsingen an

Ein effektives Einsingen folgt gewissen Regeln. Wenn du sie beachtest, wärmst du deine Stimme auf schonende Weise auf, so dass sie alle Herausforderungen meistert.

Diese fünf Teilziele deckt ein effektives Einsingen der Stimme ab:

  1. Stimme aufwecken und Kehlkopf aufwärmen
  2. Resonanz ansprechen
  3. Höhe und Tiefe ausloten
  4. Artikulation fordern
  5. Cool Down

 

Es klingt erst einmal befremdlich, die Stimme aufzuwecken. Schließlich benutzt du sie den ganzen Tag zum Sprechen! Aber: wie du deine Stimme für das Sprechen benutzt unterscheidet sich stark davon, wie du sie für das Singen benutzt.

Deine Stimme muss sich erst auf die feineren Muskelabläufe einstimmen, die beim Singen stattfinden.

Es ist wichtig, dass du deiner Stimme nicht gleich zu viel zumutest. Starte in der Mittellage, singe leise und wähle Übungen, die nur wenige Töne umfassen.

 

Resonanz ist dafür verantwortlich, dass deine Stimme gut klingt. Um die Resonanz anzusprechen, wähle Übungen, die den Vokaltrakt weiten und dehnen. Durch solche Übungen klingt die Stimme kraftvoller und trägt besser.

 

Höhe und Tiefe ausloten ist das, was du sicher kennst, wenn du ans Einsingen denkst: So hoch oder so tief wie möglich.

Naja, es ist nicht ratsam, gleich damit loszulegen. Erkunde erst deine obere und untere Mittellage, d.h. die Randbereiche deiner Mittellage im Übergang zur hohen und tiefen Lage. Damit stellst du sicher, dass du die Muskeln zunächst sanft dehnst.

In weiteren Übungen kannst du dann bis ganz runter und ganz rauf gehen. Wichtig: Erzwinge nichts! Die Stimme kommt von allein, wenn sie dazu bereit ist.

 

Deine Artikulation forderst du, wenn du die Artikulationswerkzeuge Zunge, Unterkiefer, Lippen und Gaumensegel lockerst. Sie sind häufig angespannt und Singen verlangt ihnen eine andere Beweglichkeit ab als Sprechen oder Kauen. Am leichtesten gelingt das mit Zungenbrechern.

 

Das Cool Down ist eine kurze Phase, in der sich die Stimme entspannen kann. Sie bildet einen Übergang vom Einsingen zu weiteren Arbeitsschritten (Probe, Üben etc.).

 

Fünf Einsingübungen als Beispiel

Zugegeben, das liest sich sehr theoretisch.

Deshalb habe ich fünf Übungen ausgesucht, um dir zu zeigen, wie sich diese Ziele ganz praktisch in Übungen umzusetzen lassen.

 

Hinweis:Die hier dargestellten Übungen ersetzen nicht die Unterweisung durch einen Gesangslehrer!

 

Einsingen der Stimme Übung Aufwärmen

Aufwärm-Übung zum Einsingen

Die Aufwärmübung weckt die Stimme auf und sorgt für eine bessere Durchblutung der Muskeln im Kehlkopf. Sie sollte immer sanft und leise ausgeführt werden.

Achte darauf, dass der Unterkiefer locker hängt, um das „m“ mit viel Platz im Mund zu produzieren. Es sollte klingen wie im Wort „Hummel“. Dadurch weiten sich Mund und Rachen.

Starte die erste Übung unbedingt in einer bequemen Lage, nahe deiner Sprechstimmlage. Führe sie nur soweit nach oben, wie du entspannt und mit sanftem Klang singen kannst. Du weißt, dass du zu hoch gegangen bist, wenn der höchste Ton anfängt, gequetscht zu klingen.

 

Einsingen der Stimme Resonanz Übung

Resonanz-Übung zum Einsingen

Resonanzübungen zielen immer darauf ab, einen idealen Klang herzustellen. Es ist wichtig, dass du dir selbst beim Singen zuhörst!

Bei dieser Resonanz-Übung summst du ein weiches „m“ mit lockerem Unterkiefer. Bevor du die Übung abwärts führst, öffnest du die Lippen zu einem „o“ wie im Wort „Mond“.

Achte unbedingt darauf, dass dein Unterkiefer locker bleibt. Stell dir vor, auf deiner Zunge liegt eine Erdbeere. Dein Unterkiefer öffnet sich so, dass die Erdbeere nicht zerquetscht wird. Damit klingt deine Stimme automatisch voller und runder.

Die Übung kann aus der Mittellage in die Tiefe geführt werden, aber auch in die Höhe. Zunächst musst du beachten, dass die Resonanz immer erhalten bleibt. Wenn du die Übung zu hoch oder zu tief singst, kann die Resonanzfähigkeit verloren gehen. Dann besser umdrehen und zurück in die Mittellage!

Außerdem ist es wichtig, dass die Randtöne der Übung noch klar klingen. Singst du die Übung stetig in die Höhe, gilt das für den Einsatzton. Singst du sie in die Tiefe, muss der Grundton klar bleiben.

 

Einsingen der Stimme Übung Höhe

Höhen-Übung zum Einsingen

Als Übung für die hohe Lage dient eine Übung mit Lippenflattern. Das funktioniert so, als würdest ein schnaubendes Pferd nachahmen. Oder ein Rennauto.

Die Atmung spielt bei dieser Übung eine große Rolle. Ohne ausreichend Luft stockt das Lippenflattern. Achte also darauf, dass es immer weiter geht. Das garantiert ganz nebenbei, dass die Stimme locker läuft.

Bei Höhenübungen ist es besonders wichtig, dass du vorsichtig vorgehst. Es ist normal, dass der Klang etwas heller und strahlender wird, wenn du in die Kopfstimme gehst. Sobald sich der Klang aber dünn oder brüchig anhört oder es anfängt, im Hals zu drücken oder zu kratzen, sollte die Übung sofort abgebrochen werden. Denn dann hast du dich verkrampft.

Singen ist kein Wettbewerb a lá „Augen zu und durch“! Erzwinge nichts. Geh nur soweit in die Höhe, wie es deine Stimme problemlos schafft.

Starte eine Höhenübung in der Mittellage. Dann haben die Muskeln ausreichend Runden absolviert, bevor es feinmotorisch ans Eingemachte geht.

 

Einsingen der Stimme Übung Tiefe

Tiefen-Übung zum Einsingen

Übungen für die tiefe Lage können abwärts gerichtete Melodien haben. Aber sie müssen es nicht. Diese Übung ist ein Beispiel dafür.

Warum?

Weil es nicht darauf ankommt, möglichst viele Töne nach unten zu schaffen.

Kein Wettbewerb, erinnerst du dich?

Es geht vielmehr darum, den bruststimmigen Klang zu etablieren, durch den tiefe Töne so schön satt klingen.

Diese Tiefen-Übung wird aus der Sprechstimmlage in die Mittellage geführt. Du darfst aber niemals schreien – dann singst du die Übung zu hoch! Alle Töne müssen sich klar und frei von Druck anhören.

Das „ba“ singst du in Sprechqualität. Achte darauf, dass dein Hals und Vokaltrakt entspannt bleiben und sich der Unterkiefer bei jedem „ba“ locker öffnet.

 

Einsingen der Stimme Übung Artikulation Aussprache

Artikulations-Übung zum Einsingen

Artikulationsübungen zielen darauf ab, die Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit deiner Artikulationswerkzeuge zu verbessern.

Wann hast du dich zuletzt an einem Zungenbrecher versucht? Genau diese eignen sich in Verbindung mit einer einfachen Melodie dazu, die Artikulation zu trainieren. Dadurch lockern sich Lippen, Unterkiefer und Zunge. Das Gaumensegel wird aktiviert, was sowohl der Artikulation als auch der Resonanz zugute kommt.

Obendrein regen Zungenbrecher zum Lachen an.

Wie bei allen Zungenbrechern gilt auch hier: Starte langsam und mit deutlicher Aussprache. Je öfter du solche Artikulations-Übungen singst, desto flinker werden deine Artikulationswerkzeuge reagieren. Dann kannst du ganz bequem das Tempo anziehen.

 

Einsingen der Stimme Übung Cool Down

Cool Down-Übung zum Einsingen

Eine Cool Down-Übung dient dazu, die Stimme zu entspannen. Singe dazu maximal mittellaut.

Diese Übung wird mit Seufzern gesungen. Dabei darf die Stimme schmieren, d.h. ein Glissando ausführen. Achte darauf, dabei alle Zwischentöne mitzunehmen.

 

Hier findest du alle Einsingübungen als praktische PDF.

 

Frag deinen Gesangslehrer

Wenn du Probleme damit hast, die Übungen zu entziffern oder geeignete Übungen auszuwählen, frag deinen Gesangslehrer um Rat.

Dieser Artikel kann das persönliche Gespräch und die Unterweisung durch ihn oder sie nicht ersetzen. Schließlich kennt dein Gesangslehrer deine Stimme besser als ich!

Lass dir die Übungen erklären und vormachen. Mach dir Notizen oder besser noch, zeichne das Gespräch auf Band auf (mit dem Einverständnis deines Lehrers natürlich).

 

Weitere Übungen

Auf der Webseite des World Voice Day werden 8 einfache Übungen, um die Stimme aufzuwärmen.

Die Hamburger Gesangslehrerin Sylvia Lee hat ein Video mit einer Basic Warm Up-Routine veröffentlicht.

Dieses Vocal Warm Up Video stammt von Petra Scheeser, der Autorin der „Sing!“-Gesangsschule.

Stimmlehrerin Dorothea Schmidt bietet einen Videokurs mit 5 einfachen Einsingübungen an.

 

Fazit

Wie du siehst ist es kinderleicht, deine Stimme für das Singen vorzubereiten, ohne viel Zeit zu vergeuden.

Du hast die 5 Ziele kennengelernt, die jedes Einsingen verfolgen sollte.

Anhand von Beispiel-Übungen habe ich dir grundlegende Tipps gegeben, wie du die Ziele in die Praxis umsetzt.

Und falls du nicht weiterkommst, solltest du deinen Gesangslehrer um Rat fragen. Er oder sie weiß, was deine Stimme braucht.

 


Verwandte Artikel:

Im Artikel „Einsingen – So geht es!“ stelle ich dir das Thema Einsingen vor. Das ist der Beginn meiner Artikel-Serie zum Einsingen für Sänger.

In „15 Warm Up-Übungen für Körper und Atmung“ widme ich mich dem ersten praktischen Teil des Einsingens: der Vorbereitung von Körper und Atem auf das Singen.

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2 comments

  1. Thorsten

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