Turbo Tips Üben #4: Langsam singen üben

Turbo Tipps Üben Nr. 4 Langsam singen üben

Die Strategie des „Langsam Übens“ ist bei weitem keine neue. Wahrscheinlich haben schon die alten Griechen ihren Schülern dazu geraten. Warum sie aber heute immer noch aktuell ist und wie du das langsam singen üben genau einsetzen kannst, erfährst du in dieser Ausgabe der Turbo Tipps Üben.

 

Langsam singen üben im Überblick

Du kennst diese Situation:

Voller Vorfreude stürzt du dich auf deinen Lieblingssong. Du hast das Feeling drauf, die Konzentration und hörst im Kopf schon die Band dazu.

Das Intro ist easy. Die Strophe auch. Der Beat läuft genauso wie er sollte. Und irgendwo zwischen Strophe und Refrain, oder in der Bridge, stolperst du. Du machst einen Fehler. Ach, egal, einfach weiter. Beim nächsten Mal klappt’s schon.

STOP !

Genau das ist der grundlegende Fehler. Dieses „beim nächsten Mal krieg ich das problemlos hin, aber jetzt sing ich erstmal einfach weiter“. So trainierst du Fehler!

Damit das nicht passiert, musst du dir die Zeit nehmen, den Song richtig zu lernen. Und das geht am einfachsten mit langsam üben.

 

Langsam singen üben hat einige wirklich tolle Vorteile:

  1. Du hast mehr Zeit, um auf Details zu achten.
  2. Du baust ein super Muskelgedächtnis auf.
  3. Du vermeidest Fehler.
  4. Du wirst musikalisch sicherer.
  5. Du fühlst dich mit der Musik wohler.

 

Lass mich die Vorteile noch etwas vertiefen.

1. Du hast mehr Zeit, um auf Details zu achten.

Wenn du langsam übst, kannst du dich besser auf die Einzelheiten konzentrieren. So wichtige Dinge wie saubere Tonhöhen, richtiger Rhythmus und korrekte Aussprache. Auch die Gesangstechnik profitiert davon: Du atmest an den richtigen Stellen und nutzt deinen Atemvorrat effizient. Du setzt deine Stimme korrekt und in angemessener Lautstärke ein.

2. Du baust ein super Muskelgedächtnis auf.

Wenn du langsam übst, haben die Muskeln im Kehlkopf Zeit, sich korrekt einzustellen. Ebenso die Muskeln, die an der Atmung und an der Aussprache beteiligt sind. Letztere haben so Gelegenheit, locker und eben nicht verkrampft zu reagieren. Besonders wichtig ist das bei langen Tönen und schnellen Verzierungen.

3. Du vermeidest Fehler.

Wenn du langsam übst, lernst du den Song von Anfang an korrekt. Es kostet wesentlich mehr Zeit und Energie, einen antrainierten Fehler wieder auszubügeln, als eine Stelle gleich korrekt zu lernen. Ein Fehler ist wie ein falsch angelegter Trampelpfad. Es ist mühevoll, bis der wieder verschwunden ist und du die richtige Route gehst.

4. Du wirst musikalisch sicherer.

Das Wesentliche an einem Song ist die Musik. Sonst wäre es nur ein Gedicht. Wenn du langsam übst, konzentrierst du dich auf die musikalischen Parameter. Damit hast du mehr Freiheiten, wenn es später um den Ausdruck geht.

5. Du fühlst dich mit der Musik wohler.

Nichts überrascht dich mehr. Du kontrollierst den Song – nicht der Song dich. Damit wirst du die aktive, gestaltende Kraft. Und das gibt dir enorm viel Selbstvertrauen, dass du auf der Bühne versprühen kannst.

 

Langsam singen üben hat also eine Vorteile. Doch wie schaut das ganze in der Praxis aus?

 

Langsam singen üben in der Praxis

Es gibt 2 wichtige Grundsätze, die du über das Langsam üben wissen musst.

Erstens, wie langsam ist langsam? Und zweitens, wann darfst du wieder schneller üben?

 

Wie langsam ist langsam?

Du solltest so langsam üben, dass du dich in Ruhe auf die Töne, den Rhythmus und den Text konzentrieren kannst und dabei locker und musikalisch singen kannst.

Achtung, langsam üben heißt nicht, dass du stumpf und unmusikalisch üben sollst! Ein tolles Beispiel dazu ist Beethovens Für Elise. Wenn ein junger Pianist das einstudiert, hört es sich meistens so an: dää dää dää dää dää dää dää dää dääääääääää. Alle Töne gleich stark, gleich laut, gleich stumpf. Ein Pianist mit mehreren Jahren Erfahrung würde hingegen mit viel mehr Betonungen üben, auch im langsamen Tempo. Ungefähr so: däää dö däää dö däää dö dö dö däää. Das ist musikalisches Üben.

Das Ziel ist es, fehlerfrei durch den Song oder den Abschnitt zu kommen.

Du kannst dich gut nach deinem eigenen Bauchgefühl richten. Wenn du in Stress gerätst, übst du zu schnell. Wenn dir langweilig wird, übst du unmusikalisch.

Wahrscheinlich werden dir beim Üben Fehler passieren. Dann ist es wichtig, dass du dieselbe Stelle zwei- bis dreimal korrekt singst, um den Fehler in der Festplatte deines Gehirns zu überschreiben.

 

Wann darfst du wieder schneller singen?

Berechtigte Frage, einfache Antwort: Wenn die Stelle oder der Song fehlerfrei klappt.

Wichtig dabei:

  1. Nimm unbedingt die Lockerheit mit, die du beim langsamen Üben erfahren hast.
  2. Akzeptiere keine Unsauberkeiten. Sei nicht nachlässig und schludere nicht.

 

Langsam singen üben – Die Einsatzgebiete

Nach der Einführung in die Übemethode des Langsam übens zeige ich dir jetzt, in welchen Bereichen du diese Strategie anwenden kannst.

  • Bei Intervallen, besonders den großen und schwierigen. Zum Beispiel im Refrain von „Take on me“ von A-ha. Das erste Intervall ist eine große Septime a3 – gis4 mit nachfolgender kleiner Sekunde gis4 – a4, gefolgt von einem Quintsprung mit großem Sekundschritt a3 – e4 – fis4, und daran anschließend ein Quintsprung mit kleinem Sekundschritt cis4 – gis4 – a4. Das ist nicht nur schwer zu intonieren, sondern wandert auch quer durch die Register und ist damit gesangstechnisch anspruchsvoll.
  • Bei Verzierungen. Zum Beispiel bei „Hurt“ von Christina Aguilera. In der Bridge tauchen mehrfach Verzierungen auf, die typisch für Christina Aguileras Sound sind, die jedoch Sängerinnen mit weniger Erfahrung noch Kopfzerbrechen bereiten.
  • Bei langen Tönen. Zum Beispiel bei „Saving all my love for you“ von Whitney Houston. Wer dem Original das Wasser reichen will, muss für die Textstellen „no other man’s gonna do“ und „for you“ Atmung, Support, saubere Vokale und Vibrato kontrollieren. Keine einfache Aufgabe.
  • Bei Rhythmen, die in Verbindung mit dem Text Probleme machen. Zum Beispiel in der Strophe von „From a distance“ von Bette Midler. Die Textstelle „and the eagle takes to flight“ ist nicht so einfach zu singen, wie sie sich bei Bette Midler anhört.
  • Bei Texten in einer Fremdsprache. Zum Beispiel ist französisch ein einziger Zungenbrecher für mich. Songs wie „Avenir“ von Louanne oder „Je veux“ von Zaz sind für mich eine echte Herausforderung. Für andere Sänger ist es Englisch, Spanisch oder andere nationale Pop-Stile.

 

Weitere Informationen über das Langsam singen üben

Die Methode des Langsam singen üben ist mit Sicherheit nicht neu und nicht revolutionär. Aber dass diese Methode schon seit Jahrhunderten angewendet wird, zeigt, wie nützlich sie ist. Deshalb noch ein paar Meinungen von anderen Lehrern.

Der Klavierlehrer Franz Titscher hat einen umfassenden Artikel über das Üben geschrieben. Darin schreibt er, dass das Übetempo so langsam gewählt werden sollte, „dass alles bewusst hörbar und nachvollziehbar ist“. Ein klasse Tip!

Zwei Fragen, die man sich nach dem Üben eines Abschnittes stellen sollte, beschreibt Musiklehrer Norbert Schindlegger in seinem Artikel „Ein Instrument üben – wie schnell?“. In einem anderen Artikel, „Bewusst langsamer werden“ erklärt er das Pro und Contra des Langsam üben.

Wer viel mit Playbacks übt, sollte die Software Amazing Slow Downer oder die App Anytune ausprobieren. Bei beiden kannst du Musiktitel ins Programm laden, die dann langsamer abgespielt werden ohne dabei die Tonhöhen zu verzerren.

Letztendlich wirst du nicht ausschließlich langsam üben. Das macht wohl kein Sänger auf Dauer freiwillig. Bei allen Vorteilen, die das Langsam singen üben bietet, ist es eine schlechte Wahl, wenn du ausschließlich langsam übst. Es ist nur eine Übemethode, kein Modus Operandi.

 

Fazit

Wie eine Schnecke langsam singen zu üben mag langweilig klingen. Sei dir deshalb immer bewusst darüber, was du damit erreichen willst und wirst. Die fünf wichtigsten Vorteile dieser Übemethode kannst du oben nachlesen.

Mit zahlreichen Praxisbeispielen habe ich dir gezeigt, wie und wo du langsam singen üben kannst. Außerdem kamen auch ein paar Kollegen zu Wort.

 

Jetzt möchte ich von dir wissen, wie nutzt du das Langsam üben?

 


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2 Kommentare
    • Jessica Pawlitzki sagte:

      Vielen Dank, Franz! Ich denke, wirklich jedes Instrument kann von dieser Übestrategie profitieren – egal, ob Pop oder Klassik, ob zeitgenössisches Instrument wie E-Bass oder altes Instrument wie Gambe, ob Anfänger oder Profi. Das ist eine dieser universellen Wahrheiten.

      Liebe Grüße,
      Jessica

      Antworten

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